Etwa drei Monate nach der Geburt bleiben plötzlich Haare im Abfluss, in der Bürste, auf dem Kissen. Das erschreckt – gerade in einer Phase, die ohnehin viel abverlangt. In den allermeisten Fällen ist es ein vorübergehender, gut erklärbarer Vorgang. Es gibt aber Situationen, in denen mehr dahintersteckt, und die sollte man nicht übersehen.
Warum die Haare ausfallen
Haare wachsen nicht gleichmäßig, sondern in Zyklen. Normalerweise befinden sich rund 85 Prozent der Haare in der Wachstumsphase und etwa 10 bis 15 Prozent in der Ruhephase, an deren Ende sie ausfallen – rund 100 Haare am Tag, ohne dass es auffällt.
In der Schwangerschaft sorgt der hohe Östrogenspiegel dafür, dass Haare länger in der Wachstumsphase bleiben. Sie fallen kaum aus, das Haar wirkt dichter und kräftiger. Nach der Geburt fällt der Östrogenspiegel innerhalb weniger Tage ab. Alle Haare, die eigentlich über Monate ausgefallen wären, gehen nun gleichzeitig in die Ruhephase – und verlassen die Kopfhaut zwei bis drei Monate später gemeinsam.
Der wichtigste Satz zuerst
Es fallen keine zusätzlichen Haare aus. Es fallen nur alle auf einmal aus, die während der Schwangerschaft aufgeschoben wurden. Deshalb ist der Vorgang selbstlimitierend – die Haardichte erholt sich in aller Regel von selbst.
Der zeitliche Verlauf
Typischerweise beginnt es zwei bis vier Monate nach der Entbindung, erreicht um den vierten Monat den Höhepunkt und klingt über sechs bis zwölf Monate ab. Besonders betroffen sind Haaransatz und Schläfen. Viele Frauen bemerken später kurze, aufstehende Härchen an der Stirn – das ist kein neuer Ausfall, sondern nachwachsendes Haar.
Stillen verschiebt den Verlauf oft nach hinten, verhindert ihn aber nicht.
Wann Sie es abklären lassen sollten
Das telogene Effluvium ist harmlos. Es kann aber eine zweite Ursache überdecken, die behandelbar wäre. Zur Ärztin sollten Sie, wenn:
- der Ausfall länger als zwölf Monate anhält
- die Haare insgesamt dünner werden, statt wieder dichter
- sich kahle Stellen abzeichnen oder der Scheitel breiter wird
- zusätzlich Erschöpfung, Frieren, Gewichtsveränderung oder Stimmungstiefs auftreten
- die Kopfhaut juckt, schuppt oder schmerzt
Welche Werte wirklich etwas aussagen
Als Fachärztin für Innere Medizin schaue ich hier zuerst auf Laborwerte, nicht auf Produkte. Die häufigste behebbare Ursache ist ein leerer Eisenspeicher – und der bleibt oft unentdeckt, weil das große Blutbild dabei völlig normal aussehen kann. Entscheidend ist das Ferritin.
- Ferritin – der Eisenspeicher. Für gesundes Haarwachstum werden Werte deutlich über dem unteren Referenzbereich benötigt.
- TSH – Schilddrüse. Sowohl Unter- als auch Überfunktion treten nach Schwangerschaften gehäuft auf.
- Vitamin D, Vitamin B12, Zink – Mängel sind nach Schwangerschaft und Stillzeit häufig.
- bei Bedarf ein Hormonstatus, wenn der Zyklus unregelmäßig bleibt.
Diese Werte lassen sich in einer Mikronährstoffanalyse und über einen Hormonstatus erfassen. Bevor Sie Präparate auf Verdacht einnehmen, sollten Sie wissen, was Ihnen tatsächlich fehlt – Eisen etwa gehört ohne nachgewiesenen Mangel nicht supplementiert.
Was in der Praxis hilft
Steht kein Mangel dahinter und ist der natürliche Verlauf abgewartet, aber die Dichte kehrt nicht zurück, gibt es medizinische Möglichkeiten. Die etablierteste ist die PRP-Eigenbluttherapie: Aus Ihrem eigenen Blut wird plättchenreiches Plasma gewonnen und in die Kopfhaut eingebracht. Die enthaltenen Wachstumsfaktoren regen die Haarwurzeln an.
Neben PRP arbeite ich auch mit PRF – Platelet Rich Fibrin. Dabei wird das Eigenblut ohne Zusätze und mit geringerer Umdrehungszahl aufbereitet. Es entsteht ein Fibrinnetz, das die Wachstumsfaktoren langsamer und über einen längeren Zeitraum abgibt. Welches der beiden Verfahren passt, entscheiden wir im Gespräch.
Beides ist kein Mittel für den Akutfall und kein Ersatz für die Behandlung eines Eisenmangels. Es ist eine Option, wenn die Grundlagen stimmen und die Dichte trotzdem nicht zurückkommt – in mehreren Sitzungen, mit realistischer Erwartung.
Und in der Stillzeit?
Die Diagnostik ist uneingeschränkt möglich – eine Blutabnahme schadet weder Ihnen noch dem Kind, und gerade in dieser Phase lohnt sich der Blick auf die Werte. Bei Behandlungen bin ich zurückhaltend und entscheide im Einzelfall. Vieles lässt sich ohne Nachteil bis nach dem Abstillen verschieben.
Welche ästhetischen Behandlungen in Schwangerschaft und Stillzeit pausieren, steht im Ratgeber Botox & Filler in Schwangerschaft und Stillzeit.
Sie möchten Ihre Werte abklären lassen oder über PRP sprechen?
Beratungstermin vereinbaren →Lieber erst eine Frage? Schreiben Sie uns oder per WhatsApp.
Häufige Fragen
Wann beginnt der Haarausfall nach der Geburt?
Meist zwischen dem zweiten und vierten Monat nach der Entbindung. Der Höhepunkt liegt oft um den vierten Monat. Bei stillenden Frauen kann er später einsetzen.
Wie lange dauert er an?
In der Regel sechs bis zwölf Monate. Danach wächst das Haar von selbst nach. Hält der Ausfall länger als ein Jahr an oder werden die Haare sichtbar dünner statt wieder dichter, sollte er abgeklärt werden.
Ist das normal oder eine Krankheit?
Es ist ein normaler hormoneller Vorgang und heißt telogenes Effluvium. Krankhaft wird es erst, wenn ein Mangel oder eine Schilddrüsenstörung dahintersteckt – und genau das lässt sich mit wenigen Blutwerten klären.
Welche Werte sollte man bestimmen lassen?
Vor allem Ferritin als Eisenspeicher, TSH für die Schilddrüse, Vitamin D, Vitamin B12 und Zink. Ein niedriger Ferritinwert ist die häufigste behebbare Ursache – und wird oft übersehen, weil das normale Blutbild unauffällig sein kann.
Was ist der Unterschied zwischen PRP und PRF?
Beides nutzt Ihr eigenes Blut. Bei PRP wird plättchenreiches Plasma gewonnen, das die Wachstumsfaktoren rasch freisetzt. Bei PRF entsteht durch eine schonendere Aufbereitung ohne Zusätze ein Fibrinnetz, aus dem die Faktoren über Tage abgegeben werden. Welches Verfahren sinnvoller ist, hängt vom Befund ab.
Kann man in der Stillzeit etwas machen?
Diagnostik ja, uneingeschränkt. Eine Blutabnahme ist unbedenklich. Bei Behandlungen entscheiden wir individuell und zurückhaltend; vieles lässt sich gut bis nach dem Abstillen verschieben.
Weitere Artikel & Behandlungen
Über die Autorin
Dr. medic Ancuta Hutuleac
Fachärztin für Innere Medizin mit fünjnähriger Weiterbildung in Kardiologie und Elektrophysiologie. Seit 2020 spezialisiert auf minimalinvasive ästhetische Medizin. Gründerin von I.ME.MINE Ästhetik in Düsseldorf-Medienhafen – alle Behandlungen führt sie persönlich durch.
Mehr über Dr. medic Hutuleac →