Immer mehr Patientinnen und Patienten nehmen dauerhaft Gerinnungshemmer – nach einer Thrombose, bei Vorhofflimmern, nach einem Stent oder Herzinfarkt. Die Frage, ob damit eine Unterspritzung möglich ist, wird häufig gestellt. Die Antwort ist meist ja. Der Weg dorthin verlangt aber eine ärztliche Einschätzung, keine Internetrecherche.
Die wichtigste Regel
Setzen Sie ein verordnetes Blutverdünnungsmittel niemals eigenmächtig ab – auch nicht für ein paar Tage, auch nicht für eine ästhetische Behandlung. Diese Medikamente verhindern Thrombosen, Schlaganfälle und Embolien. Ein blauer Fleck ist unangenehm. Ein Schlaganfall ist es nicht. Über das Pausieren entscheidet ausschließlich die Ärztin oder der Arzt, die das Mittel verordnet haben.
Welche Mittel gemeint sind
Der Begriff „Blutverdünner“ fasst Wirkstoffe zusammen, die auf ganz verschiedene Weise arbeiten. Für die Praxis ist die Unterscheidung wichtig:
- Thrombozytenaggregationshemmer – ASS (Aspirin), Clopidogrel, Ticagrelor, Prasugrel. Sie hemmen die Blutplättchen. ASS wirkt über deren gesamte Lebensdauer, also sieben bis zehn Tage.
- Vitamin-K-Antagonisten – Marcumar, Falithrom (Phenprocoumon). Ihre Wirkung wird über den INR-Wert gesteuert und schwankt.
- Direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) – Xarelto, Eliquis, Lixiana, Pradaxa. Sie wirken schnell und klingen innerhalb eines Tages ab.
- Heparine – als Spritze, meist vorübergehend.
Als Fachärztin für Innere Medizin mit fünfjähriger Weiterbildung in Kardiologie und Elektrophysiologie ist mir dieser Bereich aus der klinischen Arbeit vertraut. Das ist der Grund, warum ich hier nicht pauschal antworte, sondern nach dem konkreten Präparat, der Indikation und der Dosis frage.
Was tatsächlich passiert
Bei einer Unterspritzung wird eine sehr feine Nadel oder Kanüle durch die Haut geführt. Wird dabei ein kleines Gefäß berührt, tritt etwas Blut ins Gewebe aus – ein blauer Fleck entsteht. Unter Gerinnungshemmern passiert das häufiger und die Flecken werden größer und halten länger.
Was nicht passiert: eine gefährliche Blutung. Wir arbeiten in oberflächlichen Gewebeschichten mit feinsten Instrumenten. Das Risiko ist ein kosmetisches, kein vitales. Genau deshalb rechtfertigt es nicht, eine Thromboseprophylaxe zu unterbrechen.
Wie wir damit umgehen
Statt das Medikament zu pausieren, passen wir die Behandlung an:
- Kanüle statt Nadel, wo immer es geht. Eine stumpfe Kanüle schiebt Gefäße zur Seite, statt sie zu durchstechen.
- Weniger Einstiche – ein Zugang, von dem aus mehrere Areale erreicht werden.
- Angepasste Tiefe und ruhige, langsame Technik.
- Konsequente Kühlung und Druck direkt nach jedem Einstich.
- Zeitliche Planung – keine Behandlung kurz vor einem wichtigen Termin.
Bei Marcumar schaue ich zusätzlich auf den aktuellen INR-Wert. Liegt er an diesem Tag hoch, verschieben wir – das ist die vernünftigere Entscheidung als eine Behandlung unter ungünstigen Bedingungen.
Nahrungsergänzung – die unterschätzte Gruppe
Was viele nicht auf dem Schirm haben: Auch frei verkäufliche Präparate beeinflussen die Blutungsneigung. Dazu zählen hochdosiertes Omega-3, Vitamin E, Ginkgo, Knoblauchpräparate, Ingwer in hoher Dosis und Kurkuma-Extrakte.
Anders als verordnete Medikamente lassen sich diese in Absprache einige Tage vor der Behandlung pausieren. Voraussetzung ist, dass ich davon weiß. Bitte nennen Sie mir alles, was Sie einnehmen – auch was Ihnen belanglos erscheint. Weitere Tipps stehen im Ratgeber Blaue Flecken nach Filler vermeiden.
Wann wir nicht behandeln
Es gibt Situationen, in denen ich eine ästhetische Behandlung ablehne oder verschiebe: unmittelbar nach einem akuten Ereignis wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder frischer Thrombose, bei instabiler Einstellung, bei einer bekannten Gerinnungsstörung ohne aktuelle Abklärung oder wenn die Werte am Behandlungstag nicht passen.
Das ist keine Bequemlichkeit. Eine ästhetische Behandlung ist immer aufschiebbar – und diese Freiheit sollte man nutzen.
Was Sie mitbringen sollten
Zum Beratungsgespräch: Ihren Medikamentenplan oder die Packungen, bei Marcumar den Ausweis mit den letzten INR-Werten, und die Information, warum Sie das Präparat einnehmen. Mit diesen Angaben lässt sich in wenigen Minuten klären, was möglich ist. Wie wir grundsätzlich arbeiten, lesen Sie unter Beratung, Sicherheit und Nachsorge.
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Häufige Fragen
Muss ich meinen Blutverdünner vor Botox absetzen?
Nein. Für Botulinumtoxin und in aller Regel auch für Filler ist ein Absetzen nicht erforderlich. Setzen Sie ein verordnetes Antikoagulans niemals eigenmächtig ab – das Risiko einer Thrombose oder eines Schlaganfalls wiegt schwerer als ein blauer Fleck.
Ist ASS 100 ein Problem?
ASS hemmt die Blutplättchen für deren gesamte Lebensdauer von etwa sieben bis zehn Tagen. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit blauer Flecken. Wird es ärztlich verordnet eingenommen, wird es nicht pausiert – wir passen stattdessen die Technik an.
Was ist mit Omega-3, Ginkgo oder Vitamin E?
Diese Präparate können die Blutungsneigung erhöhen. Anders als verordnete Medikamente lassen sie sich in Absprache einige Tage vorher pausieren. Sagen Sie mir, was Sie einnehmen – auch was Sie für unwichtig halten.
Kann ich trotz Marcumar behandelt werden?
In den meisten Fällen ja. Entscheidend sind der aktuelle INR-Wert, die behandelte Region und die Technik. Wir besprechen das vorher konkret und verschieben lieber, wenn die Werte an dem Tag nicht passen.
Warum fragen Sie so genau nach Medikamenten?
Weil die Antwort die Behandlung verändert: Präparat, Kanüle statt Nadel, Injektionstiefe und manchmal die Entscheidung, eine Region an diesem Tag nicht zu behandeln. Ohne diese Angaben behandle ich nicht.
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Über die Autorin
Dr. medic Ancuta Hutuleac
Fachärztin für Innere Medizin mit fünjnähriger Weiterbildung in Kardiologie und Elektrophysiologie. Seit 2020 spezialisiert auf minimalinvasive ästhetische Medizin. Gründerin von I.ME.MINE Ästhetik in Düsseldorf-Medienhafen – alle Behandlungen führt sie persönlich durch.
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